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Agathe eine Berlinerin aus Ruanda
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Agathe – Einer Berlinerin aus Ruanda

 

Agathe – das ist eine junge Berlinerin aus Ruanda. Das ist das freundliche und höfliche Mädchen, welches mit großem Spaß am Jiu-Jitsu-Unterricht teilnimmt und in die 5.Klasse geht. Deren Mutter Suzanne ein gemütliches kleines Restaurant namens „One Africa“ leitet. Deren Onkel Gasana sie an so manchem Wochenende zum gemeinsamen Eisessen und ins Kino einlädt. Agathe ist eine ruandische Berlinerin, welche fast ohne Familie aufwuchs.

 

Agathe – das sind aber auch die Großmütter der kleinen Agathe, welche heute fernab ihrer Heimat in Berlin lebt. Das sind die beiden Großmütter, die ihre Enkelin nicht mehr sehen konnten, seit diese in ihrem zweiten Lebensjahr zusammen mit ihrer Mutter aus Ruanda nach Deutschland floh. Kurz darauf wurden die beiden älteren Frauen ermordet. Genauso, wie es mit Thomas, dem jungen Journalisten und Vater der kleinen Agathe geschehen ist. Genauso wie es einem ganzen Volk geschehen ist. Wie es Ruanda geschehen ist.

 

Agathe – das ist auch Agathe Uwilingiyimana, die Premierministerin Ruandas, welche am 7. April 1994 ebenfalls ermordet wurde.

 

Agathe – das ist der Name einer Geschichte.

 

So ungewöhnlich diese Sätze als Einstieg für eine Rezension auch scheinen mögen, so halte ich sie nur für angemessen. Denn „Agathe“ ist keineswegs ein gewöhnliches Buch. Es ist der Name einer ganz und gar außergewöhnlichsten Geschichte.

Es ist ein Buch, welches die katastrophalen Folgen beschreibt, die unweigerlich auftreten, als die Protagonistin von dem Schicksal ihrer Familie erfuhr.

Und – und dies ist das Beeindruckende am ganzen Buch – es ist eine Geschichte, welche einem die Morde, welche geschahen und geschehen, schildern ohne sie zu beschreiben. Kein einziges Mal lässt sich die Autorin dazu hinreisen, den Krieg zu schildern. Sie beschreibt

einzig und allein, wie Agathe die Erzählungen ihrer Mutter und ihres Onkels aufnimmt. Was zweifellos weniger brutal, aber nicht minder schockierend ist.

 

Das Buch „Agathe – Eine Berlinerin aus Ruanda“ von Anke Poenicke aus dem „Books on African Studies“-Verlag erzählt in acht oft bewegenden und schockierenden, leider aber auch teilweise zu lang „ausgetretenen“ Kapitel über die junge Agathe, welche bereits seit ihrem zweiten Lebensjahr in Berlin lebt und eines Tages eine Reportage über das Land Ruanda, das ihr immer so weit weg und doch vertraut erschienen ist, im Fernsehen sieht. Es wird von einem grausamen Genozid erzählt. Genozid bedeutet „Völkermord“ – wie Agathe später erfährt.

An jenem Tage lernt Agathe den Grund kennen, warum ihre Familie immer so klein gewesen ist. Warum es da nie mehr gab als ihre Mutter, ihren Onkel, ihre Tante und ihre drei Cousinen. Sie erfährt was mit ihrem Vater geschehen ist. Sie erfährt, wie die Bevölkerungsgruppe der „Hutu“ damals begann die „Tutsi“ für ihre Probleme als verantwortlich zu erklären und diese Mensch um Mensch, Kind um Kind umzubringen.

 

An jenem Tag beginnt sich Agathes recht behütetes Leben zu wandeln. Die Albträume kommen. Immer häufiger werden sie. Am Ende fürchtet sich Agathe davor einzuschlafen.

In der Schule ist sie dann häufig übermüdet und auch Jiu-Jitsu macht ihr keinen Spaß mehr. Überhaupt zeigt sie an fast allen Dingen, die ihr vorher große Freude bereitet haben, keine Interesse mehr. Sie zieht sich in sich zurück. Und denkt nach. Über „ihre Toten.“ Und ständig ist sie da: Diese Angst. Eine fürchterliche Angst. Und Fragen. Was haben die Toten gefühlt, als sie ermordet wurden? Warum hatten die Mörder kein Mitleid mehr? Waren die ganzen Tode wirklich organisiert gewesen? Von wem? Wer konnte so grausam sein?

 

Suzanne macht sich mehr und mehr Sorgen um ihre Tochter. Sie selbst weiß, was Agathe durchmacht. Sie konnte damals noch rechtzeitig fliehen mit ihrem Kind. Aber Agathe erzählen, was damals vorgefallen war, das konnte sie nicht. Wie sollte sie es erklären? Sie verstand es ja selbst nicht.

 

Am schlimmsten wird es als Agathe eines Tages einen Bericht in der Zeitung liest. Ein Priester, der damals viele Menschen in Ruanda umgebracht haben soll, hält sich derzeit angeblich in Berlin auf.

Suzanne hat Agathe zwar erzählt, dass sie viele der Mörder nie bestraft wurden und ins Ausland geflohen sind, wo sie unbescholten leben – aber nie hatte sie daran gedacht, einer dieser Menschen könnte sich hier befinden. In den folgenden Wochen wächst Agathes Angst stetig. Sie fürchtet sich davor, dem Priester begegnen. Was, wenn er sie auch ermorden will? Vielleicht wohnt er sogar in ihrer Nähe!

Die Alpträume warten nun jede Nacht auf sie. Einer der schlimmsten beschreibt Agathe so:

„Sie sah das große Fenster in ihrem Zimmer klar vor sich, mit dem Baum davor. […] Da kletterte ein Mann den Baum hinauf. Quer im Mund hatte er ein riesiges Messer. Als er oben war, erkannte sie den Priester. […]  Jetzt sah sie einen anderen Mann. Ganz jung war der und er war vor dem Priester geflüchtet. Zwischen dem Baum und ihrem Fenster entdeckte sie plötzlich ein Gerüst. Und nun sah sie mit an, wie der Priester den jungen Mann tötete. Seine großen schwarzen Augen blickten sie an, bevor er hinunterfiel. Sie konnte hören, wie er unten aufschlug. Im selben Moment war sein Mörder auch schon über das Gerüst direkt zu ihrem Fenster gekommen. Er hob die Faust und die Glasscheibe splitterte. […] Der Priester lachte laut und sie sah ihn durch das Fenster in ihr Zimmer steigen. Er war sehr groß und kam direkt auf sie zu.“ (141)

 

Agathe hat furchtbare Angst.

Aber Agathe wäre auch nicht Agathe, wenn sie es nicht schaffen würde, diese Angst in den Griff zu kriegen. Sicherlich wird sie immer bleiben – zusammen mit er Wut und der Trauer. Aber das junge Mädchen lässt sich nicht unterkriegen. Sie beginnt etwas zu unternehmen. Das Thema „Ruanda“ wird in Deutschland, Frankreich und auch von der UNO totgeschwiegen, wie Agathe mittlerweile weiß, aber so muss es nicht bleiben.

Agathe fängt an Gedichte zu schreiben über ihre Gefühle und ihre Geschichte. Sie schickt diese an Friedensorganisationen, trägt sie im Deutschunterricht und auf den Veranstaltungen ihrer Schule vor.

So schafft sie es, ihre Erlebnisse zu verarbeiten und mit neuer Zuversicht in die Zukunft zu blicken. Eine neue Zukunft für Ruanda.

Und sie beginnt Gerechtigkeit einzufordern! Gerechtigkeit für ihre Familie und alle anderen Leute, welche in Ruanda zu Tode gekommen sind.

Eine Gerechtigkeit, die es zum Beispiel nicht zulässt, dass ein Mörder, der sich „Priester“ nennt in Berlin friedlich lebt, ohne für seine Taten zur Rechenschafft gezogen zu werden.

 

Das Buch „Agathe – Eine Berlinerin aus Ruanda“ beschreibt die Autorin selbst als eine Entschuldigung an „ihre ruandischen Freunde und Bekannte“, „auch für ihr eigenes Versagen“.

Das Schicksal der jungen Agathe ähnelt dem der Kinder ruandischer Eltern in Deutschland, die Anka Poenicke in den letzen zehn Jahren kennen gelernt hat.

Meiner Meinung nach, ist es ein unglaubliches Buch, welches die Menschen wachrüttelt und das Schweigen in der ganzen restlichen Welt durchbricht. Es erzeugt bei seinen Lesern – zumindest in meinem Fall – Scham für sein eigenes Land und sein bisheriges Unwissen über damalige Geschehnisse. Es lässt die Menschen aufhorchen, indem es ihnen unverblümt die Wahrheit entgegenruft: „Ich bin Agathe! Meine Familie wurde umgebracht und ihr habt tatenlos zugesehen“.

Ein Buch, das zweifellos Bestandteil einer jeden (Schul-)Bibliothek sein sollte.

 

Selbstverständlich gibt es auch negative Kritikpunkte zu nennen.

Leider ist nämlich der Anfang des Buches durch die einfache Sprache und die fast schon übertriebene Schilderung Agathes Alltag ziemlich langwierig. Beispielweise erzählt die Autorin eine halbe Seite lang von Agathes Weg zu ihrem Sportverein, was für die Handlung konkret unwichtig ist und ablenkt.

Allerdings wird das durchhalten belohnt: Gegen Ende verwandelt sich der einfache Schreibstil in eine bemerkenswert offene und berührende Sprache; das fast schon protokollartige Verfolgen Agathes Leben wird zur Geschichte ihrer Gefühlwelt und ihrer Fragen.

 

Ich verleihe dem Buch 5 Punkte, da es als einer der ersten meiner bisherigen Leseerfahrung die Wahrheit so offen darlegen konnte, und man dabei immer durch Agathe auf die Geschichte blickt.

 

Viel Spaß beim Lesen!

 

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